SS 2025 EIN ORT IN ORANGE
Nicole Antunović.

vom Denken über den Ort zum Lesen vor Ort

Mitten in der Stadt steht er: groß, orange und doch schweigend, der OBI-Baumarkt. Eine Halle voller Dinge, aus denen Welten entstehen könnten: Holz, Metall, Schrauben, Farbe etc. Ein Ort des Machens, der Möglichkeiten. Dennoch: kein öffentlicher Ort, keine Beziehung zur Stadt, kein soziales Echo. Der Baukörper ist da, aber er ist nicht Teil des urbanen Lebens. Als Stahlbeton-Fertigteilkonstruktion besitzt der Baumarkt eine strukturelle Offenheit, die ihn theoretisch zu allem befähigen könnte: Wohnen, Arbeiten, Versammeln, Produzieren. 

So bleibt seine Nutzung, trotz seiner Nähe zum urbanen Handlungsraum, monofunktional: die einer Verkaufs- und Lagerinfrastruktur. Der Raum richtet sich nach innen, verweigert Öffentlichkeit, bietet somit keinen Ort des Austauschs, kein soziales Gefüge, sondern vielmehr: Effizienz, Wiederholbarkeit und eine gewisse Isolation. Hier lagern die Materialien des Bauens und doch wird nichts gebaut, was das Soziale trägt. Der Baumarkt als urbanes Phänomen ist ein Paradoxon: Ein Alleskönner im Zustand des Stillstands.

OBI Graz Mitte

Nichtsdestotrotz: Was auf den ersten Blick wie ein banaler Zweckbau erscheint; Regale, Parkplätze, Neonlicht; offenbart sich bei näherer Betrachtung eine fast archaische Raumlogik. Der Baumarkt, so funktional er auch erscheinen mag, trägt in sich die DNS urbaner Typologien. Eine postindustrielle Agora im Wartestand. In diesem Licht erscheint er nicht als Gegensatz zur Stadt, sondern als ihr schlafender Zwilling: ein hybrider Raum zwischen Ware und Möglichkeit, zwischen Pragmatik und Potenzial, zwischen den Dingen und den Menschen. Was ihm fehlt, ist nicht Raum, sondern Bedeutung.

DER BAUMARKT ALS URBANE STRUKTUR

Der Begriff Baumarkt ist semantisch so funktional, wie das Gebäude selbst erscheint: eine pragmatische Zusammensetzung aus zwei Handlungsbegriffen: Bauen und Markt. Und doch verbirgt sich in dieser Verbindung mehr als eine bloße Funktionsbeschreibung. Wenn man die beiden Wörter auseinanderzieht, öffnet sich ein gedanklicher Raum, der weit über Regale, Werkzeug und Parkplatzflächen hinausreicht. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen: Konstruktion und Beziehung Herstellung und Aushandlung.

Entwurf: der Vermittelnde Raum

BAUEN

Der Begriff bauen stammt vom althochdeutschen buan – er bedeutete: wohnen, bestellen, bebauen, sich niederlassen. Wer baut, greift in das Bestehende ein – nicht beiläufig, sondern mit Wirkung auf den Ort, die Zeit und auf all jene, die darin leben. Demzufolge verändert das Bauen Maßstäbe. Es richtet aus, rahmt, grenzt ein und öffnet. Es schafft Orientierung, nicht nur in einem topografischen Kontext, sondern auch in einem gesellschaftlichen. Er gibt der Bewegung Form und der Nutzung Atmosphäre und genau darin liegt seine Bedeutung. Nicht allein in der Funktion, sondern in den Beziehungen, die er ermöglicht.

MARKT

Vom lateinischen mercatus kommend, bezeichnete der Markt nicht nur den Austausch von Waren, sondern einen öffentlichen Raum. Einen Ort, an dem Menschen zusammentreffen, um zu Handeln. Der Markt ist kein neutraler Raum, denn er erzeugt Sichtbarkeit von Dingen, Menschen, Positionen, Gedanken, Geschichten und Lebensrealitäten. Dadurch bringt er Bewegung hervor – eine Bewegung im sozialen, räumlichen und gedanklichen Kontext. Er verankert das Gebaute im Alltag durch Handlung, Begegnung und Wiederholung. Ein Ort zwischen Konstruktion, Beziehung und Atmosphäre.

VOM ZWECKBAU ZUR TYPOLOGIE

Baumärkte entstehen aus wirtschaftlicher Optimierung. Die Struktur folgt der Logistik. Doch diese scheinbare Beliebigkeit ist architektonisch interessant: Die Halle ist ein offener Grundriss mit systematisierbarem Tragsystem – nicht unähnlich der historischen Basilika oder klassischen Markthallen, allerdings mit einer anderen sozialen Absicht: Sie erzeugen Durchlässigkeit, Kommunikation und Sichtbarkeit. Die Halle ist kein Symbolbau, aber ein strukturierter Möglichkeitsraum. Wenn man den Baumarkt als Raum, Begriff und Typus ernst nimmt, muss man den „Markt“ darin freilegen. Nicht als kommerzielle Idee, sondern als städtisches Potenzial. Dann wird aus dem Baumarkt ein Ort, der den sozialen Charakter des Marktes mit der physischen Sprache des Bauens zusammenführt. 

Ergänzung zum Entwurf

DIE HALLE ALS URBANE ERBIN

Die heutige Markthalle ist kein Solitär, sondern ein Konzentrat urbaner Vorgänger. Sie steht in einer genealogischen Linie räumlicher Archetypen, die bis in die Antike reicht und deren formale wie soziale Ideen bis heute in ihr weiterleben: das Forum (Öffentlichkeit), die Basilika (Raum), die Agora (Idee), der Basar (Leben), die Industriehalle (Licht). Was dem Baumarkt fehlt, ist nicht Form, sondern Geschichte oder vielmehr: das Bewusstsein für sie. Denn der Baumarkt bleibt, trotz vergleichbarer Struktur, architektonisch still. Er kennt kein Platzgefüge, keine Schwelle, kein Wechselspiel von Raum und Nutzung. Er ist nicht leer, aber leergeräumt von Beziehungen, Durchmischung und Aneignung. 

Seine Offenheit, sein Raster und seine Spannweite wären alles urbane Qualitäten, wenn man sie anders codieren würde. Genau darin liegt sein Potenzial. Eine bloßen Umnutzung genügt nicht. Wenn der Ansatz verfolgt wird, den Baumarkt zur Markthalle zu machen, entsteht kein neues soziales Gefüge – sondern nur ein anderer Modus des Konsums. Es bleibt beim Austausch von Produkten und nicht von Geschichten. Denn die Messe ist Kulisse und nicht Beziehung; sie zeigt, was möglich wäre, aber nicht, was bleibt. Der Gedanke einer Markthalle greift somit zu kurz, wenn er nur funktional verstanden wird. Es geht nicht um eine bessere Verkaufsfläche, sondern um ein neues Verhältnis zwischen Produktion, Stadt und Alltag. 

JAKOMINI ZWISCHEN ZENTRUM UND PERIPHERIE

Der Bezirk Jakomini ist der zweitbevölkerungsreichste von Graz. Er liegt zwischen innerstädtischer Dichte und suburbaner Streuung – geprägt von Wohnquartieren, Verkehrsinfrastruktur, Messearealen, Sporthallen, Einfamilienhäusern und versprengten Grünflächen. Diese Lage bringt eine strukturelle Spannung mit sich. Die Conrad-von-Hötzendorf-Straße durchzieht ihn als städtisches Rückgrat. Parallel dazu verläuft eine Bahntrasse, die zugleich trennt und verbindet. Der OBI-Markt liegt direkt an dieser doppelten Linie – räumlich präsent, doch architektonisch unbeteiligt. Er ist kein isolierter Punkt, sondern eingebettet in ein Netz aus Bewegung, Spannung und Potenzial. Der Baumarkt ist  kein Fremdkörper – im Gegenteil: Er ist das Relikt einer produktiven Infrastruktur. Was fehlt, ist seine Öffnung ins Quartier. Eine Struktur, die Teil der Stadt werden kann, nicht nur in ihrer Form – sondern in ihrer Funktion.  

der Ort als Lesespur

DER OBI

Er wirkt wie ein Solitär ohne Schwelle: kein Vorbereich, keine Platzbildung, keine Öffnung zum Umfeld. Die Rückseite ist durch Zäune abgeschottet, die Vorderseite dem Auto gewidmet. Weder Nachbarschaft noch Öffentlichkeit stellen sich ein. Der Geist des Ortes bleibt eingeschlossen. Der Raum folgt einem strikten Regelsystem: Bewegungsachsen, Blickachsen, Preisankündigungen. Kein Zögern, kein Staunen, keine Schwelle. Innenstruktur: Raster, Richtung, Raumtiefe. Spannweiten, Höhen, Tiefen – sie folgen dem industriellen Standard. Das Raster ist nicht nur statisch, sondern auch atmosphärisch wirksam. Es ordnet die Raumtiefe, gibt dem Blick Halt und begrenzt zugleich jede Weitung. Es gibt keine räumliche Entfaltung, nur Wiederholung. 

Maßstabssprünge

Die Atmosphäre ist gleichmäßig, funktional und kühl. Dabei sind die Nutzungen innen klar gegliedert. Es herrscht eine Logik, doch sie bleibt räumlich blass. Es ist Architektur als Produktlinie. Sie dient der Organisation, nicht der Orientierung. Was bleibt, ist eine Struktur ohne Ort. Ein Raumkörper, der überall sein könnte – oder nirgends. Wenn jede spezifische Geste fehlt, kann jede Veränderung eine neue Lesart eröffnen.

Der Raum vor dem Markt, jener, der Alltagslogistik. Parkplatzflächen, eine Ausgabestation für Einkaufswägen, ein Zaun, der das Gartencenter vom restlichen Gelände trennt und ein Grillhendlstand. Dies ist ein Ort des Übergangs, keine Architektur im eigentlichen Sinne – und doch hoch wirksam. Denn genau hier, wo das Offizielle auf das Ungeplante trifft, beginnt die Atmosphäre.

die Tragende

WAS TRÄGT

Trotz seiner sprachlichen Zurückhaltung besitzt der Markt ein klares System. Seine Struktur ist robust, wandelbar, lesbar – wenn auch nicht leserlich. Die Halle als Bautypus trägt das Potenzial der Umnutzung in sich: Sie ist nicht programmiert, sondern programmiert sich durch Nutzung. Was trägt, ist ihre räumliche Offenheit: das Tragsystem, die Raumhöhe, die Weite, die klaren Bewegungsachsen. Auch in der Umgebung lassen sich tragende Momente finden: die Nähe zur Bahn und zum öffentlichen Verkehr, das junge Quartier mit produktivem Charakter, die kleinteiligen Nachbarschaften, die Nähe zu potenziellen Grünräumen und Freiflächen sowie eine Umgebung, die durchwachsen ist – aber nicht orientierungslos.

die Lagernde

WAS FEHLT

Ein Verhältnis zum Außen, eine Antwort auf den Stadtraum, eine Einladung zum Verweilen. Es fehlt die Schwelle. Es fehlt ein Raum der Kommunikation. Es fehlt die Sprache eines öffentlichen Bauwerks. Es fehlt die Lesbarkeit der Idee. Der Markt funktioniert – aber er spricht nicht. Gleichzeitig fehlen dem Quartier um ihn herum qualitätsvolle Zwischenräume. Öffentliche Räume, die mehr sind als Verkehrsflächen. Orte, die Begegnung ermöglichen, ohne Konsum zu fordern. Was fehlt, ist eine urbane Mitte – ein Bereich des Übergangs zwischen Wohnen, Arbeiten und Verweilen. Die gewachsene europäische Stadt kannte solche Räume. Heute hingegen dominieren funktionale Trennungen. Diese ausdifferenzierte Ordnung hat Klarheit gebracht, aber auch Lücken – nicht nur räumlich, sondern auch sozial.

VOM SCHWEIGEN ZUR RESONANZ 

Eine Architektur, die nicht spricht, verhindert Resonanz. Was aber wäre, wenn dieser Ort wieder Sprache fände? Wenn aus einem stummen Volumen ein resonanter Raumkörper wird? Der OBI-Markt ist Teil einer Stadt, die wächst, sich verändert und neu zueinander finden muss. Was fehlt, ist nicht nur Atmosphäre. Es fehlt eine Rückbindung an produktive Prozesse – an das Handwerk, an das Tun, an eine urbane Praxis, die nicht nur Dinge verkauft, sondern gesellschaftliche Beziehungen stiftet. Der Ort verstummt, weil er nicht eingebunden ist. Doch vielleicht beginnt genau hier eine neue Form der Antwort: Nicht laut, nicht spekulativ, sondern alltäglich, konkret, wirksam. 

die Variable
die Variable, die Tragende, die Lagernde
Ein Ort in Orange - OBI Graz Mitte

ENTWURFSMETHODIK

Der folgende Abschnitt ist kein klassischer Entwurf. Er ist auch keine reine Analyse, kein theoretisches Kapitel. Was hier entsteht, ist eine Entwurfsbewegung, die sich nicht aus Funktion oder Programm entwickelt – sondern aus Sprache, Erinnerung und Möglichkeit. Ausgangspunkt war ein Wort: Baumarkt. Was, wenn das, was heute als Zweckbau erscheint, eigentlich ein verblasster Typus ist? 

Ein Relikt aus einer Zeit, in der das Urbane noch als räumliches Gefüge verstanden wurde? Der Versuch, diesen Ort zu entwerfen, beginnt daher mit einer Umkehr der Lesart: Nicht vom Programm zur Form, sondern vom möglichen Ursprung zur neuen Erzählung. Um diesen Zugang methodisch fassbar zu machen, wende ich mich einer spezifischen Textform zu: dem archäologischen Befundbericht – oder vielmehr seiner literarischen Variante.

Das Kapitel von Heinrich Klotz über Pompeji in „Von der Urhütte zum Wolkenkratzer“ bildet die Ausgangslage. Nicht als direkte Quelle, sondern als rhetorisches Instrument. Klotz beschreibt Pompeji nicht historistisch, sondern interpretierend. Er liest Räume wie Haltungen – und genau das übertrage ich in meine Arbeit. 

So entsteht der folgende Text: „Der Ort in Orange“ – eine fiktive Lesung eines realen Ortes. Er ist kein Entwurf im traditionellen Sinn, sondern ein Möglichkeitsraum in Sprache. Ein poetisch-theoretischer Befund, der nicht behauptet, sondern andeutet. Nicht vorschreibt, sondern öffnet. Was folgt, ist keine Planung. Was folgt, ist eine Setzung: Ein Raumtext, der beginnt, wo Analyse endet und Entwurf erst denkbar wird.

Eine Stadt der Römer - Pompeji
Kapitel von Heinrich Klotz

Die produktive Stadt ist eine Antwort auf eine Lücke, die der Baumarkt selbst hinterlässt: eine funktional durchstrukturierte Hülle ohne soziale Offenheit. Sein Raster ist vorhanden – aber es wartet auf Bedeutung. Was wir suchen, ist ein Ort, der aus der Struktur des Baumarkts heraus eine neue urbane Beziehung formuliert – zwischen Nutzung und Teilhabe, Alltag und Herstellung, Raum und Gesellschaft. 

Die produktive Stadt ist nur eine Möglichkeit. Eine die im Baumarkt selbst schon angelegt ist. Wie eine bestehende Struktur nicht ersetzt, sondern weitergeschrieben wird. Was es heißt, nicht nur über Nutzung nachzudenken, sondern über Haltung. Und welchen architektonischen Ausdruck eine produktive Stadt heute finden kann.

der Umgang

DIE PRODUKTIVE LÜCKE

Der heutige Baumarkt ist eine Spätform einer Struktur, die durch die Moderne zunehmend entleert wurde. Der öffentliche Raum wurde funktionalisiert, fragmentiert, zoniert. Was einst das Forum war, wurde zum Parkplatz. Was einst das Atrium war, wurde zur Einfahrt. Was einst Stadt war, wurde Infrastruktur. 

Die Antwort ist nicht bloß programmatisch zu verstehen, sondern urban: Sie richtet sich an das Verhältnis zwischen Raum, Alltag und Herstellung. Ein Ort, der Ressourcen, Wissen und Begegnung in Beziehung setzt. 

Project by: Nicole Antunović

Supervisor Alex Lehnerer