WS 2021 Die beiden Fuhrmänner
Ferdinand Schmölzer.

»La Fontaine, die Quelle. Beständig spendet sie, läßt im Überfluß fließen, sie ist unerschöpflich.«

- Serres, Michel: Der Parasit, 150.

Chagall, Der Fuhrmann mit dem steckengebliebenen Wagen

Der Wagen des Fuhrmanns

Eines verregneten Tages blieb der Wagen des Fuhrmanns und seines kleinen Bruders, der ihn seit jeher bei seinem Unternehmen unterstützt, an einer unbefestigten Wegstelle im Schlamm stecken.

Weit und breit kein Haus in Sicht, verfluchten die beiden die elende Gegend, in der sie zu stehen gekommen waren.

Sich selbst nicht befreien könnend, riefen sie die Götter an: »Du, Herkules, trugst du nicht den ganzen Himmel auf deinen Schultern? Da wirst du uns doch deinen kleinen Finger reichen können, um uns aus unserer misslichen Lage zu befreien.«

Die Götter aber ließen auf sich warten. Die Menschen müssen sich selbst helfen, ehe sie ihnen beistünden, heißt es.

Da die beiden aber nicht wussten, wie ihnen selbst zu helfen war – war der Wagen doch zu schwer, ihn aus eigener Kraft aus dem Schlamm zu ziehen, auch passendes Werkzeug, das Rad vom Morast zu befreien in dem es festsaß, besaßen sie nicht – setzten sie sich an den Rand des Weges und legten ihr Schicksal in die Hände eines barmherzigen Samariters, der vorbeikommen mochte, sie aus ihrer Not zu retten.

Während die beiden Fuhrmänner nun so saßen und warteten, warfen sie einen zweiten Blick in die Gegend, die sie zunächst so verdammt hatten.

Lageplan

Ein Unort, urteilte der Bruder, ein Ort der Durchreise, an dem man ungern hält.

Nicht unweit der schwere Graben der Autobahn, normal darauf die Bahn.

Nicht enden wollendes Getöse der Motoren der Sattelschlepper. Schrilles Pfeifen der durchfahrenden Züge. Das Knistern der Oberleitungen, das Rauschen der sich in den Drainagegräben sammelnden Wässer...

Ein wundervoller Ort, sann der Fuhrmann.

Die Halle des Fuhrmanns

Die Waren, die in der Halle ankommen, sieht der Fuhrmann pragmatisch.

Er sieht sie, wie sie sind: Fertigteile. Sie fangen hier an und hören dort auf. Manchmal steht etwas vor... Er wagt es nicht, die Dinge zu verändern.

Was da ankommt in seiner Lagerhalle bleibt, was es ist.

Ein Rohr ist ein Rohr, ein Regal ein Regal. Arbeit ist Arbeit. Der Fuhrmann ist immer nur eine Station der Dinge, er bearbeitet Sie nicht, sie kommen an und gehen weiter, kommen an, gehen weiter... Er nimmt von da etwas, von dort etwas, stellt es auf eine Palette, zurrt es fest, wickelt es in Folie und ab damit!

»Wie schön«, erklärt der Fuhrmann seinem Bruder oft. »Wie schön ist es, dass die Dinge ihren Ort noch nicht gefunden haben.«

Denn wäre alles schon da, wo es hinmüsste, eine perfekte Welt, alles aus einem Guss, hätte er keine Arbeit. Der Fuhrmann ist die Schnittstelle, die Fuge der Dinge.

Ihn gibt es nur, weil das Eine zum Anderen muss. Etwas kommt an und wird weitergegeben. Führen, Furche, Fuge... Irgendwie hängt es vielleicht seit jeher zusammen, denkt er sich.

Manchmal, nicht selten, kommt dem Fuhrmann vor, es gäbe ihn gar nicht, weil er ja eben nur lebt, dass die Dinge durch ihn durchgehen.

Immer ist er nur eine Station, nie die Endstation seiner Waren.

All die wundervollen Gegenstände betrachtend, die da durch seine Halle kommen, vom Zug gebracht werden oder von den Lastkraftwägen, wünscht sich der Fuhrmann manchmal selbst so ein Ding zu sein, selbst etwas zu sein und nicht nur eine Verbindung.

Der Ort des Fuhrmanns

Nicht selten übermannt es den Fuhrmann, wie herrlich er den Ort findet, an dem er hier mit seinem Bruder gelandet ist und er wird schwermütig.

Der Fuhrmann sieht die Dinge ein wenig anders, als die meisten. Was vielen Unbehagen bereitet ist für ihn das reinste Glück.

Oft sitzt er abends mit seinem Bruder im Garten, lauscht den Motoren der Lastwägen und den Triebwägen der Züge.

Der Fuhrmann fühlt sich eins mit seinem Ort. Mit allem steht er in Verbindung. Er spürt das sanfte Vibrieren der Fahrbahn, hört das Plätschern der Oberflächenwässer.

Das Knistern der Stromleitung stellt ihm seine Nackenhaare auf. Er hat keinen Ort gefunden, nein, er ist Teil von ihm. Genauso, wie der Ort Teil von ihm ist.

Was andere bedrohlich finden, umarmt er.

Das Knistern der Stromleitung stellt ihm seine Nackenhaare auf. Er hat keinen Ort gefunden, nein, er ist Teil von ihm. Genauso, wie der Ort Teil von ihm ist. Was andere bedrohlich finden, umarmt er.

Er will so nahe an der Autobahn sein wie möglich, will sich verzahnen mit diesen Undingen, die ihn umgeben. Die Ackerfurchen sollen ihm bis ins Wohnzimmer reichen, der Zug soll am Küchenfenster vorbei rauschen, dass die Gläser in den Rahmen zittern.

Der Fuhrmann will mit allem in Verbindung sein. Die Dinge bleiben, was sie sind, aber sie müssen verbunden sein, denn in der guten Verbindung liegt sein Reichtum.

Er denkt wieder an die Halle und daran, wie dort die Dinge so zusammenkommen...

Die Sicht des Fuhrmanns

Inzwischen ist sich der Fuhrmann sicher: Die Hauptsache ist es, die Dinge in unterschiedlichen Perspektiven zu sehen. Der Fuhrmann hat nicht unbedingt immer eine menschliche Sicht auf die Dinge.

Oft muss er in größeren Maßstäben denken, als das Auge es zulässt. Vor allem aber, muss er blitzschnell zwischen den Perspektiven wechseln können.

Das Prinzip bleibt dasselbe.

Es macht keinen Unterschied, ob die Waren von einer Stadt in die andere oder vom Hochregal zur Laderampe gebracht werden müssen. Die Dinge müssen gut verbunden sein, das ist das Wichtigste. Sie müssen auf unterschiedlichen Ebenen Bezüge zueinander haben. Im Großen wie im Kleinen.

Die Schwierigkeit, erklärt er seinem Bruder oft, ist es, dass man im richtigen Moment die richtige Perspektive auf die Dinge hat.

Man muss entscheiden, worum es geht. Schachtel, Karton, Palette, Container. Alles ist gleich wichtig, nur eine Frage der Situation.

Grundriss

Die Halle

An einer früheren Stelle sagte der Fuhrmann, dass er sich oft wünscht selber etwas zu sein. Eben nicht nur eine Station, wo Waren und Dinge durchgehen. Von Ost nach West auf der Autobahn, mit dem Zug nach Norden oder nach Süden.

Nein, er möchte selber etwas sein, etwas Eigenes.

Der Fuhrmann ist wahrscheinlich an die Peripherie gezogen, weil die Geräusche dort noch klarer sind. Es ist auch laut, aber der Lärm ist eindeutiger. Man hört den Zug, die Sattelschlepper, die Autos, die Motorräder, das Wasser, den Traktor, das Blech, das sich in der Hitze dehnt und hin und wieder ein quietschendes Fahrrad.

Der Fuhrmann kennt diese Geräusche und er weiß mit ihnen umzugehen. Droben in der Stadt sind die Geräusche schwieriger auszulegen.

Die Halle, Modellbilder

Man hört Vieles von früher, viel Mehrdeutiges und man hört viele, die meinen, die Geräusche genau begreifen zu können und genau zu wissen, wie sie zu handhaben seien. Doch hier beim Fuhrmann, sind die Dinge etwas einfacher.

So mancher wirft ihm vor, er sei ein schlichtes Gemüt. Nie las er die dicken Wälzer. Seinen Kindern liest er gerne aus kurzen Geschichten von Füchsen, Fröschen und Fliegen – Fuhrmannsgeschichten eben...

Doch es irrt, wer dem Fuhrmann unterstellt in seinem Handeln unbedacht zu sein. Niemand, der nicht völlig arm an Feinsinnigkeit, kann dem Fuhrmann seine Meisterschaft im Umgang mit den Dingen absprechen.

In allem sieht er etwas. Jedes Ding spricht zu ihm und er spricht zu jedem Ding.

Die Halle, Modellbilder

Das Haus

An einer früheren Stelle sagte der Fuhrmann, dass er sich oft wünscht selber etwas zu sein. Eben nicht nur eine Station, wo Waren und Dinge durchgehen. Nein, er möchte selber etwas sein, etwas Eigenes.

Doch hier wird die Sache schwieriger. Er weiß mit den Dingen umzugehen, mit dem Lärm der Sattelschlepper, dem Pfeifen der Züge, dem Knistern der Oberleitungen und er kann sie in Beziehung setzen.

Im Dunkel seiner Halle kommt das Eine zum Anderen. Bei diesem Tor kommt es rein und beim anderen hinaus, oder beim gleichen, je nachdem.

An manchen Tagen kommt dem Fuhrmann vor, er bringt ziemlich viel unter einen Hut. Da schafft er es, die großen und die kleinen Dinge gleichzeitig zu organisieren. Wenn er so durch seine Bücher sieht, denkt er sich, da kommt schon einiges zusammen.

Aber ist das schon etwas?

Das Haus, Modellbilder

Das Tor

Der Fuhrmann denkt wieder an seinen stecken gebliebenen Wagen, er denkt an seine Halle, wo die Dinge so zusammenkommen, vom einen Tor und vom anderen, er denkt an seinen wundervollen Ort, die Autobahn, den Zug, die Felder, die Ackerfurchen, die Retentionsbecken, alles zum Greifen nahe, er denkt daran, wie er seinem Bruder erklärte, dass es auf die richtige Sichtweise ankommt, Karton und Container, alles gleich wichtig, er denkt an die Arbeit in der Halle, an sein Haus und das seines Bruders, er denkt an das Tor der Halle und er denkt daran, wie weit er sieht, wenn er von seinem Tor in die Ferne blickt, er denkt daran, wo die Schienen hinführen, in die nächste Stadt, in andere Städte, andere Länder, und er sieht nach Innen in seine Halle, zu seinen Regalen, seinen Paletten, seinen Hochregalstaplern, blickt auf sein Blechdach, seine Träger, seine Stützen und deren Anprallschutz, und er denkt sich, das ist eigentlich schon etwas.

Das Tor, Modellbilder

Und der Fuhrmann denkt an seine eigene Geschichte, wie er hierher kam, er mit seinem Bruder und ihren beiden Familien. Und er blickt in seine Halle und er schaut auf den Horizont. Er ist müde von der Arbeit.

Morgen ist ein neuer Tag.

Project by: Ferdinand Schmölzer

Supervisor Alex Lehnerer, Raum und Gestalt